FEM*_MUSIC*_PLAY

Herbst/Winter 2018

Spielerisch auf Leerstellen hinweisen und diese gleichzeitig füllen. Nachhaltige Konzepte oder Interventionsmöglichkeiten erfinden. Etwas schaffen, was KEIN Konzert und KEINE Performance ist. Das ist zwar, was wir besonders gut können, aber es ist an Musikhochschulen eben auch die Regel, es fällt nicht weiter auf im Tagesgeschehen.

Das sind die Überlegungen, von denen FEM*_MUSIC*_PLAY ausgeht. Von Anfang an steht die Idee eines klingenden Konzertsaal-Modells im Raum, für das wir Programme oder ganze Festivals mit Komponistinnen des 20. und 21. Jahrhunderts kuratieren können.

»Wir verstehen das Modell, ähnlich einem Architektur-Entwurf, als Konzept, das in die Zukunft weist und gleichzeitig Leerstellen im aktuellen Konzertkanon genau wie in der Instrumentalpädagogik, der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Musik und der Archivierung von Kunst und Wissen aufzeigt.«

[aus dem Programmheft eines später verfassten FEM*_MUSIC*_Modellkonzerts]





Diesen Plan setzen im Oktober 2018 Lucien Danzeisen, Rosanna Lovell, Evelyn Saylor, Stellan Veloce, Lea Aigner und Merle Krafeld um, unterstützt von Kirsten Reese, Marc Sabat und Irene Kletschke. Das Konzertsaal-Modell soll beim MEHRLICHT!Musik-Festival Ende November 2018 an der UdK und der HfM Hanns Eisler zum Einsatz kommen. Beim ersten Treffen wird beschlossen:



»Wir entwerfen ein Festival in Miniatur, wie wir es uns für die Zukunft vorstellen. Die Idee, nicht einfach vorhandene Konzepte / Strukturen / Verfahren zu übernehmen, soll sich auf möglichst vielen Ebenen zeigen, also auch bei der Frage, wie wir die Konzerte kuratieren, wie der Raum aussieht, wie (und ob) ein Programmheft geschrieben und gestaltet ist, ...«

[Auszug aus dem Sitzungsprotokoll]



Es besteht schnell Einigkeit, dass das Modell einen installativen Charakter haben soll: Das Publikum kann jederzeit kommen und gehen. Über Boxen und Kopfhörer ist die Musik hörbar. Der Standort ist zentral und auffällig. Infrage kommen dafür zum Beispiel die Mitte des Foyers vor dem Studiosaal in Frage, der Joseph-Joachim-Saal, der Probensaal. Das Modell wird beleuchtet.

Diskutiert wird länger, ob mit dem Modell der Festivalablauf gestört und scharf kritisiert oder ob ergänzend ein wichtiger Teil zum Festival beigetragen werden soll. Die Entscheidung fällt schlussendlich zugunsten einer diplomatisch formulierten Kritik (auch, weil einige von uns anderweitig bei MEHRLICHT! beteiligt sind und schlecht bei der eigenen Performance intervenieren können):



»MEHRLICHT! featuret nicht nur Studierende, sondern auch ›Klassiker‹ der Neuen Musik: Michael Jarrell, Helmut Lachenmann, Gérard Grisey, Isang Yun und Rolf Riehm. Wir ergänzen hier gerne weitere Stücke, die von der Besetzung her gut bei MEHRLICHT! umsetzbar wären.«

[aus dem Programmheft eines Modellkonzerts bei MEHRLICHT!]



Viele ganz andere Pläne werden leider verworfen, weil schlicht die Kapazitäten fehlen. (Auch das lernen manche bei FEM*_MUSIC*_: auf sich achten, sich nicht verheizen, auch mal etwas NICHT umsetzen, auch wenn die Idee gut ist.)



Das Modell wird in mehreren Sessions geplant unter der Leitung der Bühnenbildnerin Lea Aigner, die den Konzertsaal im Anschluss auch baut – sehr detailliert, verschiedenfarbig beleuchtet und auf einem sich drehenden Präsentationsockel stehend. Die anderen kuratieren gemeinsam Konzerte und verfassen Programmhefte. Bei MEHRLICHT! Ist FEM*_MUSIC*_ mit vier Modellkonzerten vertreten.



Das Modell bleibt allerdings auch darüber hinaus im Einsatz und kann immer wieder neu bespielt werden. Anfang 2019 wird es beispielsweise an die Ausstellung »Diva, Popstar, Fremde: Vernetzungen in der weiblichen Musikgeschichte« des Q-Tutoriums »Musik und Gender« der Humboldt-Universität zu Berlin, organisiert von Elizaveta E. Willert, Klarissa Kuehnapfel, Laura de la Riva, Matthias Feldmann, Nathalie Isabel, Johanna Jahn, Pia Johanna Syrbe, Pia-Christin Wolff, Xiangwan Ma und Zaher Alkaei, verliehen.